Ein britischer Halifax Bomber aus dem 2. Weltkrieg bei Hungen

Absturzstelle eines britischen Flugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg nahe dem Hungener Stadtteil Steinheim (Lkr. Gießen).

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Sommerakademie 2014/2015
Hungen – Steinheim (Gi), Grabungsteam der 3. Sommerakademie vor den Untersuchungsflächen im Bereich der Absturzstelle des Cockpits der Halifax (R. Visser M.A., Saxion Deventer)

Im Sommer 2014 wurde die hessenARCHÄOLOGIE auf eine auch von illegalen Metallsondengängern aufgesuchte Absturzstelle eines britischen Flugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg nahe dem Hungener Stadtteil Steinheim (Lkr. Gießen) aufmerksam. Die Fundstelle wurde daraufhin als Untersuchungsobjekt für die 2. und 3. Internationale Sommerakademie der hessenARCHÄOLOGIE gewählt. Bei der Maßnahme handelt es sich um die erste systematische Untersuchung einer solchen „crash site" aus dem Zweiten Weltkrieg im Bundesland Hessen.

Projektziele der Summer Academy 2014 und 2015 waren der Gewinn von Informationen über die Geschichte des Flugzeugs und seine Besatzung sowie die Erprobung methodischer und technischer Herangehensweisen an ein solches kulturhistorisch relevantes Objekt der jüngeren Landesgeschichte.

Archivunterlagen und Zeitzeugenberichte machten die Identifikation des Flugzeugs als britisches viermotoriges Modell „Halifax" LV881 der Handley Page Aircraft Company möglich. Die Maschine gehörte zur 10. Staffel der Royal Air Force (RAF), die von 1942 bis 1945 auf dem Flugplatz Melbourne bei Seaton Ross, Yorkshire, im Norden Englands stationiert war. Der Bomber war bei einem Großangriff auf die Stadt Nürnberg in der Nacht vom 30./31. März 1944 verloren gegangen, dem verlustreichsten (und weitgehend erfolglosen) Unternehmen der RAF im Zweiten Weltkrieg.

Zu den Geschehnissen am Nachthimmel über Hungen in jener Nacht liegen zeitgenössische alliierte Berichte überlebender Besatzungsmitglieder sowie offizielle Untersuchungsberichte vor. Deutsche Aktenbestände müssen dagegen weitestgehend als verloren betrachtet werden. Alles spricht dafür, dass die Halifax von einem deutschen Nachtjäger der Nachtjagdgruppe 10 aus Finsterwalde abgeschossen wurde. Von der 7-köpfigen Besatzung des Bombers (fünf Briten, einem Kanadier und einem Australier) gelang es nur dreien, sich mit dem Fallschirm zu retten. Sie gerieten in Gefangenschaft und überlebten den Krieg. Ihre vier Kameraden, darunter der Bordschütze aus dem oberen Geschützturm, der nur 21-jährige Flight Sergeant Ernest H. Birch von der Royal Australian Air Force (RAAF), kamen ums Leben. Ihre Gräber befinden sich auf dem alliierten Soldatenfriedhof in Hannover-Limmer.

Die Untersuchung 2014 bestätigte die Berichte der überlebenden Besatzungsmitglieder, nach denen die Halifax in der Luft explodierte und ihre Teile über einem weitem Gebiet niedergingen. Der Hauptteil des Flugzeugrumpfes mit dem Cockpit schlug auf einer Anhöhe bei Steinheim auf; dieser Bereich wurde während der Summer Academy untersucht. Dabei wurden auch kleinste Wrackteile lokalisiert und kartiert (alle größeren Teile waren bereits unmittelbar nach dem Absturz von einem Räumkommando der Wehrmacht abtransportiert worden).

Nur wenige Fundstücke repräsentieren den persönlichen Besitz der Besatzungsmitglieder. Darunter ist ein vollständig erhaltenes Mützenabzeichen der Royal Australian Air Force (RAAF). Da lediglich ein Crewmitglied, und zwar der 1923 in Bunbury (Western Australia) geborene Flight Sergeant E. H. Birch, der RAAF angehörte, hat das Abzeichen zweifellos ihm gehört. Durch Online-Unterlagen der Australian National Archives aus der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit (u. a. Korrespondenz des Vaters von E. H. Birch mit den offiziellen Stellen im Hinblick auf das Schicksal seines Sohnes) hatte die hessenARCHÄOLOGIE bereits Hinweise auf Birchs Heimatregion in Australien und auch die dort noch wohnende Familie Birch erhalten. Noch im September 2014 gelang durch Vermittlung der australischen Botschaft und einer Lokalzeitung (The Bunbury Mail) dann über einen Zeitungsbericht zur Hungener Ausgrabung die Kontaktaufnahme mit Frau Jackie Birch, die mit dem Bruder des Gefallenen verheiratet war.
Im Rahmen einer Feierstunde am 22. Mai im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Wiesbaden übergab Staatsminister Boris Rhein dem australischen Botschafter S. E. David J. Ritchie, der in Begleitung des Militärattachés Col. Russel Maddalena aus Berlin angereist war, das Mützenabzeichen. Die australische Botschaft hat das Abzeichen an die Familie Birch weitergeleitet.

Literatur:

  • P. Alders/M. Gottwald/ S. Hubbard/M. Mank/Ph. Marter/U. Recker/Ch. Röder/R. Visser, Halifax LV881 - Zeugnisse des Luftkriegs über Hessen. Hessen-Archäologie 2014 (2015), 203-207.
  • P. Alders/M. Gottwald/S. Hubbard/M. Mank/Ph. Marter/U. Recker/Ch. Röder/R. Visser, Halifax LV881 - Absturz und Erinnerung. Hessen-Archäologie 2015 (2016), 205 - 208.
  • Th. Becker/B. Steinbring/Ch. Röder, Bodendenkmalpflege und Zweiter Weltkrieg. Denkmalpflege und Kulturgeschichte 2015, H. 4, 2015, 25–33.
  • Ch. Röder, Halifax LV881, ein Absturz und die Erinnerung. Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins NF 100, 2015, 313-315.