Forschungsprojekt zum frühmittelalterlichen Gräberfeld „Über den Holdergärten“

Der Reihengräberfriedhof aus der Zeit des späten 5. bis zur ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts wurde in Wölfersheim-Berstadt bei der Erschließung des Neubaugebietes „Über den Holdergärten“ im Jahr 2006 überraschend entdeckt. Bis 2007 gelang es der Archäologischen Denkmalpflege des Wetteraukreises, in Zusammenarbeit mit der hessenARCHÄOLOGIE und der Gemeinde Wölfersheim, das frühmittelalterliche Gräberfeld nahezu vollständig in seiner Ausdehnung zu erfassen.

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Wölfersheim-Berstadt. Beispiel zur Verpackung einer großen Kette mit Glas- und Bernsteinperlen aus einem Frauengrab
Wölfersheim-Berstadt. Beispiel zur Verpackung einer großen Kette mit Glas- und Bernsteinperlen aus einem Frauengrab.

Mit annähernd 380 Gräbern stellt es zudem den bislang größten merowingerzeitlichen Bestattungsplatz in der Wetterau dar. Auffallend ist eine große Zahl von Gräbern mit qualitätvollen Beigaben, welche auf weitreichende Beziehungen hindeuten. Die Fundobjekte aus Metall, Glas, Knochen und Keramik wurden bei der Ausgrabung überwiegend im Erdblock geborgen und nach höchstem technischem Standard in der Restaurierungswerkstatt der hessenARCHÄOLOGIE des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen in Wiesbaden unter Laborbedingungen freigelegt.

In Kooperation mit der Kommission für Archäologische Landesforschung e. V. (KAL) werden die umfangreichen Funde und detaillierten Grabungsergebnisse seit Mai 2016 im Rahmen eines Forschungsprojekts ausgewertet und sollen zusammenfassend in einem Katalog vorgelegt werden. Ausgehend von dieser Kataloggrundlage können Fachwissenschaftler in Zukunft spezielle Themengebiete in weiterführenden Studien näher beleuchten, um einem der bedeutendsten Gräberfeldern Hessens und somit dem Leben der frühmittelalterlichen Siedler in der nördlichen Wetterau auf die Spur zu kommen.

Neben den archäologischen Untersuchungen, ist zusätzlich die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern unterschiedlichster Fachdisziplinen (z. B. Numismatik, Anthropologie, Zoologie, Textilkunde) geplant und zum Teil bereits angelaufen.

Aktuelle geophysikalische Untersuchungen

Eine grundlegende Fragestellung im Zuge der Auswertung des Bestattungsplatzes ist, ob dieser vollständig aufgedeckt werden konnte: Die Friedhofsgrenzen wurden während der Ausgrabung zwar weitgehend erfasst, verliefen jedoch stellenweise recht nahe an der modernen Wohnbebauung. Um mögliche Ausläufer festzustellen wurden im Sommer 2017 zwei Flächen in den angrenzenden Grundstücken mittels geophysikalischer Messungen per Georadar untersucht, die durch freundliche Förderung der Archäologischen Gesellschaft in Hessen e.V. (AGiH) stattfanden. Nach der Begehung einer weiteren Fläche im Sommer 2018 ist die Auswertung der Messdaten vorgesehen.

Befunde, Funde und bunte Perlen

In dem Gräberfeldkatalog fließen alle bisher auf der Ausgrabung und in der Restaurierungswerkstatt erfassten Informationen in Text und Bild zusammen. Dazu werden die Grabbefunde sowie die darin enthaltenen Fundstücke textlich beschrieben und auf Tafeln abgebildet.

Eine der laufenden Arbeiten ist die Umzeichnung der Grabbefunde, mit der die Zeichnerin in der hessenARCHÄOLOGIE-Außenstelle Marburg aktuell beschäftigt ist. Neben den bereits vorliegenden schwarz-weißen Zeichnungen der Grabbeigaben soll der Tafelteil mit Fotos einer für die Datierung wichtigen Fundgattung bereichert werden: den bunten Perlen.

Insgesamt kommen in dem Friedhof rund 250 Befunde mit etwa 3500 farbenfrohen Perlen aus unterschiedlichen Materialien wie Glas, Bernstein, Amethyst oder Muscheln vor. Dabei sind Perlen weitgehend auf Frauen- und Kindergräber beschränkt. Während in einigen Befunden nur Einzelstücke oder wenige Perlen umfassende Colliers auftreten können, sind in anderen Bestattungen auch reichhaltige Ketten mit bis zu 160 Einzelperlen enthalten.

Nach ihrer Freilegung, ob auf der Ausgrabung oder auch in der Restaurierungswerkstatt, wurden die Perlen zur Kette aufgefädelt oder einzeln nummeriert und in Kunststoffdosen verpackt. Die Vorbereitung des gesamten Perlenmaterials für die fotografische Aufnahme stellte dementsprechend eine Aufgabe dar, bei der Fingerspitzengefühl und Akribie gefragt war. Die Stücke wurden im Sommer 2017 durch einen Projektmitarbeiter in der Wiesbadener Dienststelle ihrer Reihenfolge nach auf Schnüre gezogen und danach in der Außenstelle Darmstadt, hessenARCHÄOLOGIE, grabweise fotografiert. Glasperlen, deren Umriss von der Seite aus betrachtet nicht rund sondern beispielsweise vierkantig war, wurden zudem in Seitenansicht abgelichtet. Nach den Aufnahmen mussten die Stränge wieder sorgfältig abgefädelt und verpackt werden und die digitale Bildbearbeitung begann, die voraussichtlich im Laufe des Jahres 2018 abgeschlossen sein wird. Die Stücke werden im Katalogtext dann unter dem jeweiligen Grab, einzeln in Reihenfolge, nach Material, Form, Farbe, Verzierung und mit Maßen erfasst.

Insgesamt sind in dem gemeinsamen Gräberfeldprojekt des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen und der KAL Mitarbeiter aller Dienststellen der hessenARCHÄOLOGIE involviert. Die Publikation des Kataloges zum frühmittelalterlichen Gräberfeld von Wölfersheim-Berstadt ist für die Reihe „Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen“ vorgesehen.
(Bearbeitungsstand: Februar 2018)

Ansprechpartnerinnen

Dr. Sabine Schade-Lindigsabine.schade-lindig@lfd-hessen.de
Dr. Eveline Saaleveline.saal@lfd-hessen.de