Eine früh- und hochmittelalterliche Siedlung in der nördlichen Wetterau

Nördlich des Licher Stadtteils Muschenheim im südlichen Landkreis Gießen wurde 1991 bei Feldbegehungen eine archäologische Fundstelle entdeckt, die vor allem durch zahlreiche frühmittelalterliche Keramikfragmente Aufmerksamkeit erweckte.

Arnsburg_750.jpg

Auswahl an verzierten Deckelfragmenten aus einem Grubenhaus (Mitte 8. Jahrhundert).
Auswahl an verzierten Deckelfragmenten aus einem Grubenhaus (Mitte 8. Jahrhundert).

Bereits 1993 führte die Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen (KAL) unter der Leitung von Dr. Mathias Austermann eine erste archäologische Ausgrabung an dieser Stelle durch. Dabei kamen zahlreiche Befunde des 8. bis 12. Jahrhunderts zum Vorschein, darunter eine Reihe von Grubenhäusern. Reste ebenerdiger Bauten fanden sich in Form zahlreicher Pfostenlöcher vorwiegend im Ostteil des seinerzeit untersuchten Areals. Spuren einer mittellatènezeitlichen Siedlung sowie bronze- und ältereisenzeitliche Funde gaben schließlich einen ersten Hinweis auf die lange zurückreichende Nutzungsgeschichte dieses Platzes am Ufer der Wetter.

Der mittelalterliche Ort erscheint 1151 und 1174 unter dem Namen „Arnesburg“ in zeitgenössischen Schriftquellen. 1174 schenkte ihn Kuno I. von Münzenberg Zisterziensermönchen aus Eberbach im Rheingau, die in der Folgezeit das in der Nähe gelegene Kloster Arnsburg errichteten. Im Zusammenhang mit dem Besitzerwechsel mussten die Einwohner „Arnesburg“ verlassen: Äcker und Wiesen traten seitdem die die Stelle des Ortes.

Seit 2014 setzt die hessenARCHÄOLOGIE die Forschungen an diesem interessanten und auch überregional bedeutenden Platz fort. Ziel der Maßnahme ist es, erstmals in der Region einen mittelalterlichen Siedlungsplatz möglichst umfassend zu untersuchen. In bislang drei Grabungskampagnen gelang es, weitere Ausschnitte der Siedlung zu erfassen. Dabei konnten mehrere weitere Grubenhäuser entdeckt werden, so dass sich die Gesamtzahl dieser primär handwerklich genutzten Bauten nunmehr auf mindestens 20 erhöht hat. In einem Teilbereich der untersuchten Fläche hatte sich außerdem ein frühmittelalterlicher Oberflächenhorizont mit Herd- bzw. Ofenstellen erhalten. Besonders hervorzuheben ist schließlich die Entdeckung eines hochmittelalterlichen, etwa 6 m x 8 m großen Steingebäudes. Wahrscheinlich bestanden nur die unteren Teile des turmartigen zu rekonstruierenden Bauwerks aus Stein; darüber sind Holz bzw. Fachwerkkonstruktionen anzunehmen. In Inneren wurde viel Brandschutt sowie Funde des 11./12. Jahrhunderts angetroffen. Das Gebäude ist mit großer Wahrscheinlichkeit als Zeichen der Präsenz eines sozial höherstehenden, im weitesten Sinne „adeligen“ Personenkreises zu bewerten.

Der Löwenanteil der mittelalterlichen Funde besteht aus Keramikfragmenten. Daneben liegt auch eine größere Menge an Metallfunden vielfältiger Art vor. Spinnwirtel, Webgewichte sowie bereits 1993 dokumentierte Spuren eines Gewichtswebstuhls in einem Grubenhaus belegen die Textilproduktionen, zahlreiche Schmiedeschlacken die Eisenverarbeitung. Auch das Buntmetallhandwerk ist durch einen Gusstiegel nachgewiesen. Eine große Anzahl an Tierknochen verspricht u.a. einen guten Einblick in das örtliche Nutztierspektrum über mehrere Jahrhunderte hinweg.
Die Siedlung lag nur etwa 250 m südlich der gleichnamigen Burg auf dem Plateau des „Hainfeldes“, die bereits 1984/85 Gegenstand von Grabungen der hessischen Landesarchäologie war. Diese Wehranlage, deren Ursprünge bis in das 10. Jahrhundert zurückreichen, war bis Mitte des 12. Jahrhundert Hauptsitz der Herren von Hagen und Arnsburg, die sich danach nach ihrer neu erbauten Burg „von Münzenberg“ nannten. Als Reichsministerialen gelang es dieser Familie seit dem 11. Jahrhundert, im Rhein-Main-Gebiet und in der Wetterau umfangreichen Besitz zu erwerben und zu einem wichtigen politischen Machtfaktor dieses Raumes aufzusteigen. Der gleichlautende Name weist bereits auf eine enge Beziehung von Burg und Siedlung hin. Die für eine rein bäuerliche strukturierte Siedlung untypische Fundzusammensetzung, die auch Reitzubehör und Waffen umfasst, eine umfangreiche Eisenverarbeitung sowie die Zahl der Grubenhäuser machen eine Funktion von „Arnesburg“ als Wirtschaftshof der benachbarten Burg wahrscheinlich. Aber auch das Sachgut aus der Zeit vor Entstehung der Befestigung umfasst bemerkenswerte Stücke, zum Beispiel mehrere Sporen. Der Ort scheint also bereits in karolingischer und ottonischer Zeit eine nicht unwichtige Rolle gespielt zu haben. Es ist sogar denkbar, dass sich hier zunächst ein Herrenhof befand, dessen Besitzer im 10. Jahrhundert die ersten Holzbauten auf dem Hainfeld errichten ließen, bevor nach der Jahrtausendwende ein repräsentativer Steinausbau stattfand.
Neben der Vielzahl mittelalterlicher Relikte fanden sich im Bereich der Siedlung weitere Zeugnisse älterer Nutzungsphasen des Platzes. So liegt paläolithisches, neolithisches sowie bronze- und eisenzeitliches Fundmaterial vor. Aus der Zeit um Christi Geburt stammt ein grubenhausartiger Befund, der neben zahlreichen germanischen auch einige römische Fundstücke enthielt. Nachdem das Gelände während der Existenz des Bestehens des Limeskastells Alteburg auf der gegenüberliegenden Seite der Wetter wohl nicht besiedelt war, ist für das 4. und 5. Jahrhundert erneut eine germanische Präsenz fassbar, deren Spuren sich zunehmend verdichten.

Somit bietet der Fundplatz auch für den Zeitraum zwischen Auflassung des Limes und der Karolingerzeit ein bedeutendes Forschungspotential, zumal sich bereits in Ansätzen die Möglichkeit einer Siedlungskontinuität seit der Spätantike in Form einzelner merowingischer Funde abzeichnet. Daneben bietet sich hier die seltene Möglichkeit, einen umfassenden Einblick in die Struktur eines Wirtschaftshofes einer bedeutenden Adelsburg des 11. und 12. Jahrhunderts und dessen ältere Siedlungsphasen zu gewinnen.

Ansprechpartner: Michael Gottwald M.A., Michael.Gottwald@lfd-hessen.de

Literatur

  • M. Austermann, Grabungen in einer latènezeitlichen und mittelalterlichen Siedlung bei Arnsburg, Kr. Gießen. Berichte der Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen 3,  1994/1995 (1995), 113–143.
  • M. Austermann; Archäologische Forschungen zu den mittelalterlichen Siedlungen in der Wetterau. Siedlungsforschung 17, 1999, 47-64.
  • E. Grönke, Neues von der villa Arnesburg. Denkmalpflege und Kulturgeschichte 3 (2015), 36-37.
  • M. Gottwald, A. König, 21 Jahre später – Neue Forschungen in der villa Arnesburg. Hessen-Archäologie 2014 (2015) 129-133.
  • M. Gottwald, Ch. Röder: Sieben neue Grubenhäuser und ein Steinbau aus der "villa Arnesburg", Hessen-Archäologie 2015(2016) 121–124.
  • M. Gottwald/ Ch. Röder, Dorf und Burg. Archäologie in Deutschland, Heft 1/2017, 2017, 43.