Eine früh- und hochmittelalterliche Siedlung in der nördlichen Wetterau

Nördlich des Licher Stadtteils Muschenheim im südlichen Landkreis Gießen wurde 1991 bei Feldbegehungen in der Flur „Auf dem Weiher“ eine archäologische Fundstelle entdeckt, die vor allem durch zahlreiche frühmittelalterliche Keramikfragmente Aufmerksamkeit erweckte.

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Grabung 2017: Pressblechfibel des 11./12. Jahrhunderts aus Buntmetall mit Darstellung des Christus Pantokrator (=“Allherrscher“). Durchmesser 2,3 cm.
Grabung 2017: Pressblechfibel des 11./12. Jahrhunderts aus Buntmetall mit Darstellung des Christus Pantokrator (=“Allherrscher“). Durchmesser 2,3 cm.

Landesforschung am Ufer der Wetter
Bereits 1993 führte die Kommission für Archäologische Landesforschung in Hessen e.V. (KAL) unter der Leitung von Dr. Mathias Austermann eine erste archäologische Ausgrabung an dieser Stelle durch. Dabei kamen zahlreiche Befunde des 8. bis 12. Jahrhunderts zum Vorschein, darunter eine Reihe von Grubenhäusern. Spuren einer mittellatènezeitlichen Siedlung sowie bronze- und ältereisenzeitliche Funde gaben schließlich einen ersten Hinweis auf die lange zurückreichende Geschichte dieses Platzes am Ufer der Wetter.

Seit 2014 setzt die hessenARCHÄOLOGIE die Forschungen an diesem interessanten und auch überregional bedeutenden Platz fort. Ziel der Maßnahme ist es, erstmals in der Region einen früh- und hochmittelalterlichen Siedlungsplatz möglichst umfassend zu untersuchen. In bislang vier Grabungskampagnen gelang es seitdem, weitere Teile der Siedlung zu erfassen. Dabei konnten unter anderem zahlreiche neue Grubenhäuser entdeckt werden, so dass sich die Gesamtzahl dieser primär handwerklich genutzten Bauten nunmehr auf etwa 30 erhöht hat. In Teilbereichen der untersuchten Fläche hatte sich außerdem ein frühmittelalterlicher Oberflächenhorizont mit Herd- bzw. Ofenstellen erhalten. Besonders hervorzuheben ist schließlich die Entdeckung eines hochmittelalterlichen, etwa 6 m x 8 m großen Steingebäudes. Wahrscheinlich bestanden nur die unteren Teile des turmartig zu rekonstruierenden Bauwerks aus Stein; darüber sind Holz bzw. Fachwerkkonstruktionen anzunehmen. In Inneren wurden viel Brandschutt sowie Funde des 11./12. Jahrhunderts angetroffen. Das Gebäude ist mit großer Wahrscheinlichkeit als Zeichen der Präsenz eines sozial höher stehenden, im weitesten Sinne „adeligen“ Personenkreises zu bewerten. Hinweise auf ebenerdige Pfostenbauten fanden sich in den neuen Grabungskampagnen nur in relativ bescheidenem Umfang. Die entsprechenden Wohn- und Wirtschaftsbauten haben sich vermutlich vorwiegend an anderer Stelle befunden. Hinweise auf Gebäude dieser Art konnten 1993 in Form zahlreicher Pfostenlöcher im Ostteil des damals untersuchten Areals entdeckt werden.

Die Historische Überlieferung
Der mittelalterliche Ort erscheint 1151 und 1174 unter dem Namen „Arnesburg“ in zeitgenössischen Schriftquellen. 1174 schenkte Kuno I. von Münzenberg die Siedlung zusammen mit weiterem Besitz an Zisterziensermönche aus Eberbach im Rheingau, die in der Folgezeit das in der Nähe gelegene Kloster Arnsburg errichteten. Im Zusammenhang mit dem Besitzerwechsel mussten nach der Überlieferung die Einwohner Arnsburg verlassen: Äcker und Wiesen traten danach an die Stelle des Ortes.

Ein vielfältiges Fundspektrum
Der Löwenanteil der mittelalterlichen Funde besteht aus Keramikfragmenten. Daneben liegt jedoch auch eine größere Menge an Metallfunden vielfältiger Art vor. Spinnwirtel, Webgewichte sowie die bereits 1993 dokumentierten Spuren eines Gewichtswebstuhls in einem Grubenhaus belegen die Textilproduktion, zahlreiche Schmiedeschlacken die Eisenverarbeitung. Auch das Buntmetallhandwerk ist durch einen Gusstiegel nachgewiesen. Eine große Anzahl an Tierknochen, deren Auswertung bereits begonnen hat, gewährt unter anderem einen guten Einblick in das örtliche Nutztierspektrum über mehrere Jahrhunderte hinweg.
 

Wirtschaftshof der Burg Arnsburg
Die Siedlung lag nur etwa 250 Meter südlich der gleichnamigen Burg auf dem Plateau des „Hainfeldes“, die bereits 1984/85 Gegenstand von Grabungen der hessischen Landesarchäologie war. Diese Wehranlage, deren Ursprünge bis in das 10. Jahrhundert zurückreichen, war bis Mitte des 12. Jahrhundert ein Hauptsitz der Herren von Hagen und Arnsburg. Ab etwa 1150 errichteten diese in der Nähe eine neue, repräsentative Höhenburg mit dem Namen Münzenberg, nach der sie sich in der Folgezeit auch benannten. Als königlichen Dienstleuten, sogenannten Reichsministerialen, war es dieser Familie seit dem 11. Jahrhundert gelungen, vor allem im Rhein-Main-Gebiet und in der Wetterau umfangreichen Besitz zu erwerben und zu einem wichtigen politischen Machtfaktor dieses Raumes aufzusteigen.

Der identische Name „Arnsburg“ weist bereits alleine auf eine enge Beziehung von Burg und Siedlung hin. Die für eine rein bäuerlich strukturierte Siedlung eher untypische Fundzusammensetzung, die auch Reitzubehör und Waffen umfasst, eine umfangreiche Eisenverarbeitung sowie die beträchtliche Zahl der bereits entdeckten Grubenhäuser machen eine Funktion von „Arnesburg“ als Wirtschaftshof der benachbarten Burg wahrscheinlich. Aber auch das Sachgut aus der Zeit vor der Entstehung dieser Befestigung beinhaltet bemerkenswerte Stücke, beispielsweise mehrere Reitsporen. Der Ort scheint somit bereits in karolingischer und ottonischer Zeit eine nicht unwichtige Rolle gespielt zu haben. Es ist sogar denkbar, dass hier ein Herrenhof stand, dessen Bewohner im 10. Jahrhundert die ersten Holzbauten auf dem Hainfeld errichten ließen, bevor dort nach der Jahrtausendwende schließlich ein repräsentativer Steinausbau erfolgte.

Eine Platz mit viel Geschichte
Neben der Vielzahl mittelalterlicher Relikte fanden sich im Bereich der Grabungsflächen außerdem verschiedene Zeugnisse älterer Nutzungsphasen des Geländes. So liegt paläolithisches, neolithisches sowie bronze- und eisenzeitliches Material vor, das eine intensive Nutzung dieses sehr siedlungsgünstig gelegenen Platzes am Rande der Wetterau belegt. Aus der Zeit um Christi Geburt stammt ein grubenhausartiger Befund, der zahlreiche germanische sowie einige römische Fundstücke enthielt. Auch aus dem weiteren Verlauf des ersten nachchristlichen Jahrhunderts liegen entsprechende Funde vor, so dass sich eine längerfristige Besiedlung abzeichnet, die möglicherweise noch bis in die Frühzeit des kurz vor 100 n. Chr. entstandenen, auf dem gegenüberliegenden Ufer der Wetter gelegenen Limeskastells Arnsburg hereinreicht.

Nach der Aufgabe des Limes durch die Römer um das Jahr 260 ließen sich an vielen Stellen in der Wetterau germanische Siedler nieder, die dem heterogenen Stammensverband der Alamannen zuzurechnen sind, so auch in Arnsburg. Römische Münzen und Keramikgefäße belegen Kontakte der Einwohner mit dem Reichsgebiet westlich der Rheingrenze. Diese Besiedlungsphase währte noch bis in das 6. Jahrhundert hinein. Für das 7. Jahrhundert liegen hingegen bislang keine Belege vor. Da allerdings bisher nur ein kleiner Teilbereich der potenziellen Siedlungsfläche durch die Grabungen erfasst werden konnte, ist die Hoffnung nicht unberechtigt, auch diese zeitliche Lücke zukünftig noch schließen zu können. Für die Zeit zwischen etwa 300 und 1200 wäre somit eine ungebrochene Siedlungskontinuität gegeben!

Der Fundplatz Arnsburg bietet durch vielfältige Funde und Befunde gerade für den Zeitraum zwischen der Auflassung des Limes und dem Hochmittelalter ein bedeutendes Forschungspotenzial. Daneben besteht hier die seltene Möglichkeit, einen umfassenden Einblick in die Struktur eines Wirtschaftshofes einer bedeutenden Adelsburg des 11. und 12. Jahrhunderts und dessen ältere Siedlungsphasen zu gewinnen.
(Arbeitsstand: Januar 2018)

Ansprechpartner: M. Gottwald M.A., Michael.Gottwald@lfd-hessen.de