Projektbeschreibung

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Lahntal bei Niederweimar
Lahntal bei Niederweimar

Im Lahntal bei Niederweimar haben Menschen vieler vor- und frühgeschichtlicher Epochen ihren archäologischen Fingerabdruck im Boden hinterlassen und eine Kulturlandschaft mit einer nachweislich über 11000 jährigen Besiedlungsgeschichte geformt.

Die weiträumige Tallandschaft mit zahlreichen Fließgewässern und die hohe Bonität der Böden in einem naturgegebenen Verkehrsraum entlang der Lahn boten bereits in vorgeschichtlicher Zeit alle Voraussetzungen für einen günstigen Lebensraum.

In der heute eben erscheinenden breiten Talsohle der Lahn war jedoch noch vor Anfang der 1990er Jahre eine derartige Fülle archäologischer Befunde nicht erwartet worden, da diese weite Auenlandschaft seit Jahrhunderten überschwemmungsgefährdet ist.

Im Rahmen des DFG-Projektes  „Wandel der Geo-Biosphäre während der letzten 15000 Jahre“ führte der Geograph Dr. Ralf Urz umfangreiche Untersuchungen zur Geomorphologie im Lahntal zwischen Gießen und Marburg durch. In den mächtigen Geländeaufschlüssen der Kiesgrube von Niederweimar zeigte sich, dass die prähistorische Topografie, anders als heutzutage, von älteren hochwasserfreien Geländerücken und Kiesbänken geprägt war und sich damit im Mündungswinkel zwischen Lahn und Allna ein natürlich geschützter Siedlungsraum bot.

Bei seinen Geländearbeiten entdeckte der Geowissenschaftler archäologische Relikte in den Profilen der Kiesgrube und gab damit den Anstoß für bis heute fortlaufende großflächige Ausgrabungen in den Erweiterungsgebieten der Kiesgrube Niederweimar.

So konnten seit 1993 in den Gemeindebereichen Weimar-Niederweimar und Weimar-Argenstein 28 Hektar  flächendeckend durch die hessenARCHÄOLOGIE archäologisch untersucht werden. In insgesamt 16 Grabungskampagnen wurden bislang über 5000 Befunde verschiedenster Zeitstellungen dokumentiert. Dies war nur durch die gute Zusammenarbeit mit dem Baustoffkonzern Lafarge Holcim Ltd., ehemals Readymix Kies GmbH, möglich.

Neben der Kiesgewinnung stellte der Ausbau des Verkehrsnetzes eine zweite Kategorie von Großmaßnahmen dar, die in den letzten Jahren in der Gemeinde Weimar (Lahn) einen erheblichen Flächenverbrauch verursachten.

Durch die gute Kenntnis der vorgeschichtlichen Siedlungsstellen im Kiesgrubenareal war auf den geplanten Straßentrassen mit weiteren Fundstellen zu rechnen.  Die enge Zusammenarbeit zwischen Hessen Mobil und hessenARCHÄOLOGIE führte dazu, dass das archäologische Kulturgut, ohne nennenswerte Verzögerungen des Bauablaufs, bereits  im Vorfeld geborgen und dokumentiert werden konnte. Im Zeitraum zwischen 2007 bis 2012 war die Fa. Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie e.V. (WIBA), Marburg, in enger Absprache mit der hessenARCHÄOLOGIE maßgeblich mit den Trassengrabungen an der B 3a, der Par-Allna und der B 255, beauftragt und deckte auf 35 ha Untersuchungsfläche über 700 archäologische Befunde auf.

Im Gegensatz zu den flächenhaften Untersuchungsbereichen der Kiesgrube legten die Straßenbaumaßnahmen kilometerlange lineare Geländeaufschlüsse durch das Lahntal offen.

Der Ausbau der B3a und die ökologische Ausgleichsmaßnahme Par-Allna zogen einen Längsschnitt parallel zur Fließrichtung der Lahn und zeigten, dass die Besiedlungsflächen im Bereich der Kiesgrube nicht isoliert liegen, sondern dass auch in der Südachse der Lahnaue im Niederterrassenbereich mit weiteren zahlreichen Besiedlungsspuren verschiedener Epochen zu rechnen ist.

Der Ausbau der Ortsumgehung B 255 schloss den Talrand vom Mündungsbereich der Allna bis zu den Ausläufern des Rheinischen Schiefergebirges auf.  Hieraus erwuchs die Chance, großräumige „archäologische Landschaftsprofile“ von wechselnden topografischen Standorten der Siedlungskammer zu gewinnen.

Im Spiegel der archäologischen Bodenbefunde zeigt sich nach nunmehr über zwanzig intensiven Forschungsjahren in der Flusslandschaft zwischen Lahn, Allna und Wenkbach ein komplexes vor- und frühgeschichtliches Siedlungsgefüge, das in seiner Gesamtausdehnung in der wissenschaftlichen Forschungslandschaft Hessens seinesgleichen sucht.

Die Wechselbeziehung der archäologischen, geomorphologischen und archäobotanischen Ergebnisse verleiht dem Natur- und Kulturraum im Umland von Niederweimar eine dritte, historische Dimension.

Es zeigt sich, dass der Mensch durch sein eigenes Wirken seine Umwelt seit Beginn frühester Sesshaftigkeit im Lahntal nachhaltig und zunehmend beeinflusst hat. Das Lahntal bei Niederweimar ist damit eine Schlüsselregion für die Rekonstruktion von Kultur- und Landschaftsgeschichte entlang der Lahn und bietet ein herausragendes Potential zur Erforschung umweltarchäologischer Sachverhalte.

Ziel des Projektes „Archäologie im Lahntal um Weimar (Lahn)“ ist es, durch die Bereitstellung dieser wichtigen Ausgrabungsergebnisse die interdisziplinäre wissenschaftliche Auswertung und die vollständige Publikation der Ausgrabungsergebnisse voranzutreiben.