Baubegleitung im Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel

Bei der archäologischen Überwachung zweier Leitungstrassen konnte ein seit Mitte des 19. Jahrhunderts bekanntes Aquädukt der Römerzeit im Wiesbadener Salzbachtal erneut freigelegt werden. Damit war es nun möglich, den Verlauf der römischen Wasserleitung, um den sich zahlreiche Spekulationen rankten, relativ eindeutig als Zulauf für den Vicus und die Thermen von Castellum Mattiacum / Mainz-Kastel zu rekonstruieren.

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Foto Wiesbaden–Mainz-Kastel. Im Jahr 2020 bei einer archäologischen Bauüberwachung aufgedeckter Abschnitt der Fundamente eines römischen Aquäduktes im Unteren Zwerchweg
Wiesbaden–Mainz-Kastel. Im Jahr 2020 bei einer archäologischen Bauüberwachung aufgedeckter Abschnitt der Fundamente eines römischen Aquäduktes im Unteren Zwerchweg.

Zwischen 1839 und 1906 waren im unteren Salzbachtal in Wiesbaden wiederholt Reihen von rechteckigen Fundamentsteinen bei Bauarbeiten freigelegt worden. Schnell wurden sie als Nachweis eines römischen Aquäduktes identifiziert. Da aber immer nur kürzere Abschnitte des Bauwerkes freigelegt werden konnten, blieben Herkunft und Ziel der Leitung Gegenstand kontroverser Deutungen. An mehreren Stellen fanden sich beschädigte Rinnensteine von 1,0 m bis 1,8 m Länge. Die ausgearbeitete Rinne wies zwischen 15 × 32 cm und 16 × 35 cm schwankende Rechteckquerschnitte als Innenmaß auf. Zur Versorgung einer größeren städtischen Ansiedlung wie Aquae Mattiacorum (Wiesbaden) hätte die darin transportierte Wassermenge kaum ausgereicht. Aus der Einmessung der Fundamenthöhen wurde zudem ersichtlich, dass die Leitung ein Nord-Süd-Gefälle aufwies, also Wasser das Salzbachtal hinab Richtung Rhein führte.

Bei zwei Leitungsverlegungen 2014 und 2020 war es nun erneut möglich, durch die archäologische Bauüberwachung der Bodeneingriffe den weiteren Verlauf des Aquäduktes nachzuweisen. Im Rahmen der Untersuchungen ließ sich hierbei ein durchlaufender Fundamentgraben von 0,9 m Breite beobachten, welcher mit einer Stickung aus ungemörtelten Bruchsteinen aus Kalkstein verfüllt war.
In unregelmäßigen Abständen zwischen 1,6 m und 2,6 m waren in diese Fundamentstickung Quader aus rotem Sandstein eingesetzt. Mörtelspuren oder Reste aufgehenden Mauerwerks konnten allerdings auch hier nicht beobachtet werden. In der Zusammenschau der 2014 und 2020 dokumentierten Abschnitte zeigte sich, dass die Oberflächen der Fundamentquader ein Gefälle von 0,7 bis 1,0 Prozent nach Osten zu aufwiesen. Die Leitung verläuft hier offensichtlich parallel vor dem Südabhang des Petersberges. Hydrogeologisch bildet der Petersberg einen bedeutenden Grundwasserspeicher über undurchlässigen Gesteinsschichten, weshalb das aufgrund der Schichtneigung von Nordosten nach Südwesten fließende Grundwasser am Fuße der Terrassenkante in zahlreichen Quellen austritt. Entlang des Südhanges des Petersberges und seiner Fortsetzung nach Osten reihen sich mit Hambusch-Brunnen, Peters-Brunnen, Ochsen-Brunnen, Floß-Brunnen sowie Weiher- und Weiden-Brunnen sechs ganzjährig schüttende Quellen auf einem zwischen 94 und 112 m ü. NN gelegenen Quellhorizont. Da nach den aktuellen Grabungsergebnissen die Sandsteinquader eine Fundamenthöhe von nur wenig über 94 m ü. NN aufzeigen, kann bei einer Rekonstruktion des Aquäduktes mit flachen Pfeilerbögen von 2,0 bis 3,0 m Höhe die Leitung im weiteren Verlauf nach Osten daher noch weitere Wasserzuflüsse aus den genannten Quellen gesammelt haben. Entsprechende Konstruktionen sind aus der römischen Aquäduktarchitektur durchaus bekannt.

Aufgrund der jüngsten archäologischen Forschungen ist es daher nun möglich, das lange vielerlei Spekulationen ausgesetzte Aquädukt heute relativ schlüssig zu rekonstruieren. Ausgehend von einer der Quellen des oberen Salzbachtales folgte es nach Osten umbiegend in seinem weiteren Verlauf dem Quellhorizont am Südhang des Petersberges auf flachen Pfeilerbögen, um weitere Zuflüsse aufzunehmen und schließlich, wohl der Steinernen Straße folgend, seine Richtung auf Vicus und Thermen von Castellum Mattiacae (Mainz-Kastel) zu nehmen.

Dr. Dieter Neubauer, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
10.11.2021

Downloads: 

Wiesbaden–Mainz-Kastel. Dokumentation des 2014 freigelegten Aquäduktes mit den in die Fundamentstickung eingesetzten Quadern aus rotem Sandstein als Punktfundamente der Bogenpfeiler ( Archäologische Ausgrabungen Frank Lorscheider, Wiesbaden).