Interdisziplinäre Ergebnisse aus einem Grubenhaus

Trostlos das Land, kämpferisch und ungebildet seine Bewohner, barbarisch ihre Ernährung und ihre Landwirtschaft. So beschrieben die Römer die Germanen und die von ihnen besiedelten Landschaften. Von archäologischen und archäobiologischen Untersuchungen lernen wir, wie sie tatsächlich gelebt haben.

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Foto Das Grubenhaus im Planum als dunkle Verfärbung
Ausgrabung Hof Grass mit der westlichen Hälfte des Grubenhauses links im Planum.

Bei Ausgrabungen im Hofgut Grass bei Hungen (Lkr. Gießen) trat überraschend ein Grubenhaus zu Tage, das in die Jahre um Christi Geburt datiert. Es gehört daher in die Zeit, in der in Hessen römische Eroberungsbestrebungen auf germanische Zuwanderer trafen, während sich die Spuren keltischer Besiedlung verlieren. Die Auswertung der Funde erbrachte neue Ergebnisse.

Das reiche Fundmaterial von Hof Grass umfasst vor allem Keramik germanischer Machart. Vergleichsfunde sind aus dem elbgermanischen Raum bekannt (Großromstedter Kultur). Nur einige wenige Funde erinnern an spätkeltische Tradition. Allgemein sind Siedlungsnachweise aus dieser Zeit selten, daher ist der Befund von besonderer Bedeutung.
Besonders spannend ist außerdem das Vorhandensein römischer Drehscheibenkeramik und von Fibeln (Gewandschließen), die Kontakte der Anwohner mit dem römischen Militär vermuten lassen

Die aus dem Grubenhaus geborgenen archäobotanischen Bodenproben brachten Hinweise zur Landwirtschaft der dortigen Siedler. Neben Unkräutern und verschiedenen Arten grünlandartiger Vegetation von bewirtschafteten Heuwiesen fanden sich in den Proben an Getreiden Gerste, Echte Hirse und Emmer begleitet von den Ölpflanzen Lein und Leindotter (s. Bild: von links oben nach rechts unten).

Foto Pflanzenfunde aus dem Grubenhaus
Heutige Pflanzen und verkohlte Getreidekörner und Samen aus dem Grubenhaus.


Interessanterweise fehlen die in der vorangehenden keltischen und gleichzeitigen römischen Landwirtschaft wichtigen Wintergetreide Dinkel und Nacktweizen sowie der ertragreiche Schlaf-Mohn. Es fällt auf, dass das Spektrum aus dem Grubenhaus dem entspricht, was in weiteren 24 hessischen germanischen Fundstellen und in der gesamten Germania Magna vorkommt. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die hier Ansässigen einer germanischen kulturellen Orientierung angehörten und eine Landwirtschaft betrieben, die von der in der Region zuvor verbreiteten keltischen Tradition abweicht.

Nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Ernährung der Germanen war nicht „romanisiert“ und unterschied sich deutlich vom römischen Geschmack. Zu den germanischen Essgewohnheiten erfahren wir von dem römischen Historiker Tacitus (ca. 58-120 n.Chr.) aus der Sicht der ihm vertrauten römischen Küche:
„…die Speisen sind einfach: wildwachsendes Obst, frisch erlegtes Wildbret oder geronnene Milch; sie stillen den Hunger, ohne die Speisen besonders zuzubereiten oder zu würzen“.

Tatsächlich betrieben die frühen Germanen nach den archäobotanischen Ergebnissen im Gegensatz zu den Römern noch keinen Gartenbau. Obst und Kräuter kamen daher nicht aus dem Nutzgarten, sondern aus Wald und Feld. Wie jedoch ein eigener Kochversuch mit nachgewiesenen "germanischen“ Zutaten verdeutlichen konnte, müssen ihre Gerichte aus heutiger Sicht keineswegs eintönig und ohne Würze gewesen sein (siehe Rezept zum Download).

Die interdisziplinäre Zusammenschau der Ergebnisse aus dem Grubenhaus von Hof Grass zeigt, wie aussagekräftig es sein kann, auch einzelne Ausgrabungsbefunde ausreichend für archäobotanische und andere naturwissenschaftliche Untersuchungen zu beproben.

Prof. Dr. Angela Kreuz, Michael Gottwald M.A., Christoph Röder M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
10.11.2021
 

Literatur zum Thema
  • Thomas Becker, Michael Gottwald, Udo Recker, Christoph Röder, Kulturelle Vielfalt im Grubenhaus - ein Befund als „Schmelztiegel der Kulturen“. hessenARCHÄOLOGIE 2011 (2012), 81-84.
  • Angela Kreuz, Michael Gottwald, Christoph Röder. Späte Kelten oder frühe Germanen? Archäobotanische Hinweise zu einem Grubenhausbefund aus Hof Graß, Hungen - Hof Grass, Lkr. Gießen. hessenARCHÄOLOGIE 2020 (2021), 130-132.
  • Angela Kreuz, Frühgermanische Landwirtschaft und Ernährung. Antike Schriftquellen und archäobotanische Sicht. In: Gabriele Uelsberg/Matthias Wemhoff (Hrsg.), Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme. Ausstellungskatalog Berlin, Bonn (2020), 118-145.
  • Angela Kreuz, Landwirtschaft im Umbruch? Archäobotanische Untersuchungen zu den Jahrhunderten um Christi Geburt in Hessen und Mainfranken. Bericht der Römisch Germanischen Kommission 85, (2004) 2005, 97-292
  • Publius Cornelius Tacitus,  Germania. Übersetzt und kommentiert von A. Mauersberger (Insel Verlag, Frankfurt 1980).