Einige Worte zu einem Klischee

Über kaum eine archäologische Kultur existieren so viele Klischees und vermeintliches Wissen wie über die Kelten. Blutrünstige Krieger, weise Druiden, hervorragende Handwerker und Künstler, Gegner und Handelspartner der Kulturen südlich der Alpen – die Bilder sind ebenso vielfältig wie zuweilen auch widersprüchlich. Zum Verständnis der Kelten – vor allem in Hessen – bedarf es der Erkenntnisse der Archäologie, für die das Thema auch noch längst nicht abgeschlossen ist.

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Foto Figurengruppe auf der bronzene Kanne aus dem Grab 1 vom Glauberg, die ursprünglich mit Honigwein (Met) gefüllt war. (um 400 v. Chr.)
Figurengruppe auf der bronzene Kanne aus dem Grab 1 vom Glauberg, die ursprünglich mit Honigwein (Met) gefüllt war (um 400 v. Chr.).

Hessen ist eine der Kernregionen der Kelten in Europa. Dies gilt vor allem für Süd- und Mittelhessen, während in Nordhessen die Uhren um die Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus kulturell etwas anders tickten. Dies gilt aber insbesondere für das, was die Archäolog*innen als keltisch bezeichnen – und das kann sich zuweilen deutlich von dem unterscheiden, was andere Forschungsdisziplinen, wie die Geschichtswissenschaften oder die (keltischen) Sprachwissenschaften über die Kelten berichten. Griechische und römische Autoren berichten zwar über Gallier und Kelten, aber es bleibt zum Beispiel unklar, ob die damit bezeichneten Menschen Mitglieder eines Großstammes waren, der sich Kelten oder Gallier nannte oder ob sie zu einem Teilstamm gehörten, dessen Stammesname nur regional begrenzte Gültigkeit hatte. War es für die Menschen von vor über 2000 Jahren überhaupt wichtig, ob sie Kelten waren, oder war es für sie eher von Bedeutung, zum Stamm der Eburonen, der Helvetier oder der Vindeliker zu gehören? Bekannt sind uns diese Stammesnamen vor allem durch den römischen Feldherren Caius Iulius Caesar, der in der Mitte des 1. Jh. v. Chr. über die Kriege gegen die Gallier berichtet. Aber wie zuverlässig sind solche Berichte, die natürlich ein politisches Ziel verfolgten (Rechtfertigung eines teuren und verlustreichen Krieges), und deren Aussagen über die beschriebenen Menschen oft auf Hörensagen oder auf nicht immer zuverlässige Berichte von „Informanten“ beruhten? Da die Kelten selbst keine schriftlichen Zeugnisse über sich, über ihre Kultur und ihre Bräuche hinterlassen haben, ist daher die Archäologie die zuverlässigste Quelle für die als Eisenzeit bezeichnete Epoche zwischen etwa 800 v. Chr. und Christi Geburt. Aus ihren Untersuchungen wissen wir, dass es eine Sachkultur gab, die sich zwar regional unterschied (Keramikgefäße im Osten Frankreichs unterscheiden sich z.B. deutlich von denen aus dem Süden Hessens oder von denen aus Böhmen), die aber insbesondere im Bereich der sich im Laufe der Jahrhunderte wandelnden Kunststile über weite Teile Europas sehr ähnlich waren. Durch ihre Verbreitung legen Archäolog*innen auch die Verbreitung der Träger dieser Kultur als die der Kelten fest.

Aber auch wenn die Archäologie viele Fragen zu diesem rätselhaften Volk beantworten kann, so bleiben noch immer zahlreiche Rätsel ungelöst. Wie sind zum Beispiel die phantasievollen Fabelwesen zu deuten, die u.a. auf Schmuckgegenständen vom Glauberg abgebildet sind? Sind sie Teil einer Glaubenswelt, die für uns immer noch unverständlich wirkt? Und wohin verschwanden die Menschen, die in den Jahrhunderten vor Christi Geburt große, fast stadtartige Siedlungen wie das Heidetränk-Oppidum im Taunus oder auf dem Dünsberg bei Gießen errichteten und die in Bad Nauheim Salz im fast industriellen Maßstab erzeugten?

Eines ist beim Thema Kelten sicher: Langweilig ist die Beschäftigung mit ihnen nie und so wird es auch in Zukunft noch vieles durch die Archäologie zu erforschen geben.

Dr. Axel Posluschny, Forschungszentrum, Keltenwelt am Glauberg
12.11.2021