Archäologie in Florstadt Nieder-Mockstadt (Wetteraukreis)

Bei einem Vor-Ort-Termin Ende Januar wurden im Beisein des Florstädter Bürgermeisters Herbert Unger, Vertretern des Wetteraukreises und des Investors DHL, der hessischen Landesgesellschaft und Pressevertretern erste Untersuchungsergebnisse durch die ausführende archäologische Fachfirma Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie GmbH (WiBA) präsentiert.

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Gruppenbild Pressetermin
Gruppenbild mit Archäologen der archäologischen Fachfirma WiBA und der hessenARCHÄOLOGIE, Vertreter des Wetteraukreises, der Hessischen Landgesellschaft und Florstadts Bürgermeister Herbert Unger (Dritter v. links.).

„Die Wetterau war bereits in der Steinzeit für die Menschen eine Gunstlandschaft und daher dicht besiedelt.“ Mit diesen Worten begrüßte Dr. Sabine Schade-Lindig, stellvertretende Abteilungsleiterin bei der hessenARCHÄOLOGIE (Landesamt für Denkmalpflege Hessen), zusammen mit dem zuständigen Bezirksarchäologen Hardy Prison M.A. die Anwesenden in Vertretung für den verhinderten Kreisarchäologen Dr. Jörg Lindenthal (Archäologische Denkmalpflege Wetteraukreis).

Grabungsleiterin Johanna Trabert M.A. und Techniker Nils Georg (WiBA) erläuterten nicht nur großformatige Fotos von besonderen Befunden, sondern es gab auch Archäologie „zum Anfassen“: interessante Fundobjekte, etwa kleine Keramikgefäße aus Gräbern und das Fragment eines Bronzeschwertes oder -dolches.

Zur Vorgeschichte

Im Westen des Florstädter Ortsteils Nieder-Mockstadt wird derzeit das Gewerbegebiet „Im Unterfeld“ in Richtung Süden zur Bebauung durch das ansässige Logistikunternehmen DHL erweitert. Das neue Areal liegt im Bereich eines schon seit den 1920er Jahren bekannten vorgeschichtlichen Gräberfeldes.

Ein Teilbereich des Gräberfeldes war bereits anlässlich einer früheren Gewerbegebietserweiterung im Jahr 2003 untersucht worden. Dabei zeigte sich, dass das Gelände von der mittleren Bronzezeit bis in die jüngere Eisenzeit als Begräbnisplatz diente. Nach den ersten Untersuchungen vor 100 Jahren wurden die Ergebnisse 1924 vom Ausgräber Otto Kunkel wiederholt in Einzelschriften jeweils mit dem Titel „Eine Totenstadt in der Wetterau“ veröffentlicht. Es war damals eine der umfangreichsten systematischen Untersuchungen zu vorgeschichtlichen Gräberfeldern in Hessen!

Untersuchungen 2019 und 2020

Aufgrund dieser Vorgeschichte waren für das neue Projekt bauvorgreifende archäologische Untersuchungen im neuen Baugebiet notwendig. Betreut durch Dr. Jörg Lindenthal (Kreisarchäologie des Wetteraukreises) und den zuständigen Bezirksarchäologen Hardy Prison M.A. (hessenARCHÄOLOGIE am Landesamt für Denkmalpflege Hessen), untersuchten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der archäologischen Fachfirma Wissenschaftliche Baugrund-Archäologie GmbH (Marburg) 2019 und 2020 das Neubauareal.

Ergebnisse

Neben den erwarteten Gräbern kam überraschend auch ein sehr viel älterer Siedlungsplatz aus der mittleren bis späten Phase der jungsteinzeitlichen Linearbandkeramischen Kultur (5.300–4.900 v. Chr.) zutage – der ersten Bauernkultur Mitteleuropas.

Aktuelle Untersuchung Oktober 2020 bis Ende November 2021

Erst jüngst abgeschlossen wurde die Untersuchung auf dem Gelände des geplanten vierten Logistikzentrums und einem nördlich davon gelegenen Parkplatz. Damit wurden insgesamt rund 12,5 ha archäologisch untersucht. Von dem bis in die 1920er Jahre bewaldeten Gelände lag zu Grabungsbeginn eine LiDAR-Aufnahme – ein auf Laserscanning basierendes Oberflächenmodell – vor, wonach das Grabungsareal den nordwestlichen Teil einer Hügelgräbergruppe umfasste. Durch die Rodung des Waldes und Bearbeitung des Bodens mit dem Tiefpflug sowie die folgende jahrzehntelange landwirtschaftliche Nutzung war mit einer starken Verschleifung und (Zer-)Störung der Geländedenkmäler zu rechnen. Dennoch erbrachte die etwa einjährige Ausgrabung mit über 900 Befunden interessante Ergebnisse.

Freigelegtes Grab einer Frau mit bronzenen Schmuckobjekten an den Armen und in Halsnähe
Freigelegtes Frauengrab aus der Mittelbronzezeit mit erhaltenen Schmuckobjekten aus Bronze.

Ergebnisse

Die Nutzung des Areals als Bestattungsplatz bereits im Endneolithikum (2.800 – 2.200 v.Chr.) belegt ein Grab, in dem sich noch zwei Keramikgefäße und eine aus Feuerstein gearbeitete Pfeilspitze fanden. Für spätere Zeitabschnitte sind stark eingeebnete Grabhügel nachgewiesen worden, in zwei Fällen sogar noch die Reste von Baumsärgen. Die Gräber verweisen durch die zeitliche Ansprache der Beifunde in die Zeit der mittleren und den Übergang zur späten Bronzezeit (1.600 -1.200 v.Chr.).  Um die Grabhügel herum wurden in späteren Zeiten zahlreiche Brandbestattungen niedergelegt. Mehrere der darunter befindlichen Urnengräber lassen sich anhand der erhaltenen Beigaben in die Urnenfelderzeit (1.200–800 v. Chr.) und die ältere Eisenzeit (800 – 450 v.Chr.) datieren. Einzelne Urnengräber belegen aber noch die weitere Nutzung des Areals während der frühen Latènezeit (450–250 v.Chr.).

Daneben konnten noch vier Pfostenbauten nachgewiesen werden. Weitere Hinweise auf Siedlungsaktivitäten fanden sich im untersuchten Areal nicht.

Die Untersuchungen auf dem Gelände des geplanten Logistikzentrums und eines nördlich davon gelegenen Parkplatzes sind nun abgeschlossen und somit steht einer zukünftigen, gewerblichen Nutzung des Areals aus bodendenkmalpflegerischer Sicht nichts mehr im Wege.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle, die zum Gelingen dieses Termins in eisiger Kälte und Wind beigetragen haben!

Dr. Beate Leinthaler, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
07.02.2022