Holzkohlegewinnung am Kahlberg im Hochmittelalter

Köhlerplattformen, also ehemalige Standorte von Holzkohlemeilern, stellten ein immer wiederkehrendes Relikt der Nutzung der historisch gewachsenen Kulturlandschaft im Mittelgebirgsraum dar. Nun ist es erstmals gelungen, diese eng mit dem Bergbau in Verbindung stehende Landschaftsnutzung für das Hochmittelalter in Hessen archäologisch nachzuweisen.

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Foto Grubenmeiler im Befund
Spuren des Grubenmeilers am Kahlberg bei Fürth-Weschnitz.

Seit dem 8. April kooperiert die hessenARCHÄOLOGIE nun offiziell mit der AG Altbergbau Odenwald. Dies verschriftlicht die mittlerweile langjährige Zusammenarbeit zwischen der Außenstelle Darmstadt und der AG. Auch 2020 konnte im Odenwald ein Projekt durchgeführt werden, das erfreuliche Ergebnisse zum Bergbau und zur Wirtschaftsgeschichte in der Region erbracht hat

In Abstimmung mit der Außenstelle Darmstadt führte die AG Altbergbau am Hang des Kahlberges, des 521 m hohen Berges bei Weschnitz (Gde. Fürth), im Juni dieses Jahrs eine kleine Ausgrabung durch. Geländetopographische Aufnahmen des Berges und seiner Umgebung, für den urkundlich ein Erzbergbau bereits für das 8. Jahrhundert belegt ist, haben vielfältige Relikte des Bergbaus erbracht. Dazu gehören vor Ort nur schwach erkennbare Mulden, für die Hinweise auf die Ansprache als Grubenmeiler vorlagen. Diese frühe Art der Holzkohlegewinnung fand nicht wie die später entstandene Platzmeilertechnik obertägig statt, sondern wurde in einer abgedeckten Grube durchgeführt. 

Ein solcher Grubenbefund konnte im Rahmen der Untersuchung erfasst und dokumentiert werden. Der 1,8 m auf 1,1 m große und ursprünglich bis zu 0,8 m tiefe Befund zeigte deutliche Brandrötungen am Rande und massive Holzkohlebänder in der Füllung, so dass von einer mehrfachen Nutzung ausgegangen werden kann. Bei der Nutzung wurde das Astholz in der Grube aufgeschichtet, danach entzündet und abgedeckt, so dass durch den sauerstoffarmen Brand das Holz zur Holzkohle verkohlte.

Überraschend waren für alle Beteiligten die Ergebnisse der Untersuchungen der geborgenen Holzkohlereste. Ergab schon die 14C-Datierung einer Kohle den ersten Hinweis auf eine Nutzung des Meilers zwischen dem ausgehenden 10. und ausgehenden 12. Jahrhundert, so konnte die dendrochronologische Untersuchung ein präziseres Datum liefern. Mehrere verwendete Hölzer wurden im Jahr 1083 n. Chr. geschlagen. Die holzanatomische Untersuchung ergab dabei, dass hier ausschließlich Eichenholz für die Holzkohlegewinnung verwendet wurde, wobei die Anzahl der Jahrringe nahelegt, dass ausschließlich Äste genutzt und keine kompletten Bäume geschlagen wurden. Damit wird deutlich, dass in dieser Zeit der Wald bewirtschaftet und nicht für die Holzkohlegewinnung komplett geschlagen wurde.

Der Beleg einer früh- bis hochmittelalterlichen Köhlerei am Kahlberg bei Weschnitz ist aus mehrerlei Hinsicht bemerkenswert, gelang doch damit für die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts der erste archäologische Nachweis hinsichtlich der Bedeutung des Montansektors in der durch das Kloster Lorsch verwalteten Gebiete im mittleren Odenwald. Damit stellt der Befund aber auch den aktuell ältesten Nachweis dieses Handwerks in Hessen dar. 

Dr. des. Thomas Becker, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenArchäologie
Dipl.-Geol. Jochen Babist, Arbeitsgemeinschaft Altbergbau Odenwald
08.11.2021