Ein umfangreicher Hortfund der Urnenfelderkultur

Ende November 2019 wurde der Außenstelle Darmstadt eine Reihe von Bronzefunden von einem ehrenamtlichen Begeher in der Gemarkung Dornheim der Kreisstadt Groß-Gerau (Kreis Groß-Gerau) gemeldet. Schnell wurde aufgrund des reichhaltigen Fundaufkommens klar, dass es sich nicht um etwas Alltägliches, sondern um etwas Besonderes handelte.

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Foto Gesamter Fundkomplex
Gesamter Fundkomplex. Verzierte und unverzierte Bronzeblechröhrchen (oben), „rasiermesserförmige“ Anhänger (linke Seite), Bronzemesser, Klingenfragment u. „radnabenähnliches“ Objekt (Bildmitte), „schwalbenschwanzförmige“ Anhänger (rechts unten).

Wenige unterschiedliche, jedoch viele gleichartige Objekte – zu jenem Zeitpunkt etwa 200 Stück, in der Hauptsache aus drei Elementen bestehend – bildeten die Zusammensetzung.

Situation

Noch im Dezember desselben Jahres wurde eine Notbergung in Form einer kleinen Grabung sowie eine geoarchäologische Untersuchung durch das Geographische Institut der Johannes-Gutenberg-Universität unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Vött und Dr. Lea Obrocki organisiert. Dabei wurde die gesamte Fundverteilung durch einen Grabungsschnitt mittels Kleinbagger abgedeckt mit dem Ziel, mögliche Reste des originalen Fundzusammenhangs zu ermitteln. Parallel konnten Messungen und Bohrungen der Geographen durchgeführt werden mit dem Ziel, die Auffindesituation in einem verlandeten Altgewässer besser zu verstehen. Zwar konnten keine Reste einer ehemaligen Befundsituation nachgewiesen werden, jedoch fanden sich im Rahmen der Sondage ca. 180 – 200 weitere Objekte, die zweifelsfrei dem Komplex zugeordnet werden konnten. Darüber hinaus wurde durch die geoarchäologische Untersuchung klar, dass sich dieser vermeintliche Hortfund ursprünglich im Gewässer bzw. im dauerfeuchten Milieu befunden haben muss.

Ein umfangreiches Ensemble?

Insgesamt handelt es sich um ca. 450 Teile, wobei viele fragmentiert vorliegen. Den größten Teil des Komplexes bilden knapp 300 Bronzeblechröhrchen oder Fragmente davon. Davon sind etwa 30 % mit Strichbündeln und Wulsten verziert. Mit deutlichem Abstand sind 52 „rasiermesserförmige“ Anhänger zu nennen. Wenn intakt, besitzen sie zwei ineinander gegossene Ringelemente, deren Herstellung ein hohes Maß an technischem Geschick und Erfahrung voraussetzt. Des Weiteren fanden sich knapp 30 „schwalbenschwanzförmige“ Anhänger. Hier variieren die Ringverbindungen sehr stark. Sie bestehen meist aus gebogenen Krampen oder aus Drahtverbindungen. Hinzu kommen etliche Ringelemente.

Derartige Anhänger erfreuten sich in der späten Bronzezeit einer großen Beliebtheit. Sie finden sich – allerdings in weit geringerer Zahl – als Schmuck- und Zierelemente z. B. an der Kleidung oder am Gürtel und scheinen ihre Hauptverbreitung im alpinen Raum zu haben.

Nur schwer von der Hand zu weisen ist die Bedeutung als Klangelement. Das metallische „Klimpern“ und „Klappern“ spielte in der späten Bronzezeit wie in der frühen Eisenzeit eine wichtige Rolle und ist durch diverse „Klapperbleche“ bezeugt. Die dabei entstehende Geräuschkulisse gilt als unheilabwehrendes Element und sollte wohl Geister abwehren. Aber selbst ohne rituell geprägten Kontext dürften die golden schimmernden Bronzeteile in Verbindung mit dem erzeugten Klang Eindruck innerhalb einer Gemeinschaft hinterlassen haben.

Die Bronzeröhrchen sind zeitlich wie funktional schwerer interpretierbar, speziell aufgrund der vorliegenden Menge. Neben Kopf- und Halsschmuck kommen u. a. Trachtbestandteile eines Gürtels oder Schnurrockes in Frage. Für letzteres bestehen Vergleichsbeispiele mit ca. 100 Röhrchen aus Gräbern in Dänemark, welche jedoch in die Frühbronzezeit (ca. 1500 - 1200 v. Chr.) und damit deutlich früher datieren.

Ein zweiter Hort?

Wenige Meter entfernt konnten drei weitere Objekte geborgen werden. Diese setzen sich aus einem zerbrochenen Bronzemesser, einem bronzenen Schwertklingenfragment und einem ebenfalls aus Bronze bestehenden „radnabenähnlichen“ Objekt zusammen. Zeitlich entspricht jene Fundzusammensetzung gleichfalls der späten Bronzezeit, genauer der sog. Urnenfelderkultur. Ob sie jedoch durch die leichte räumliche Abweichung dem Komplex zugerechnet werden können oder gesondert zu betrachten sind ist unklar.

Schlussbemerkung

Ein derartig umfangreiches Ensemble – wenn es sich in der Gesamtheit um ein einzelnes handeln sollte – sucht bislang seinesgleichen. Auch wenn Vermutungen zu einer ehemaligen Verwendung angestellt werden können, so ist der tatsächliche, ursprüngliche Zweck weiter unklar. Der Grund der Deponierung deutet zwar auf eine Form der Glaubensvorstellung, welche Intention sich aber dahinter verbarg, kann nur gemutmaßt werden.

Peter Steffens M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
08.11.2021