Größte Siedlung der Rössener Kultur in Deutschland entdeckt

In Wölfersheim (Wetteraukreis) werden seit vielen Jahren immer wieder bedeutende Fundplätze entdeckt, die unsere Kenntnisse über die Ur- und Frühgeschichte erweitern. So ist die Gemeinde z. B. Namengeber der Stufe Wölfersheim, einem Zeitabschnitt der späten Bronzezeit. 2006 wurde im Wölfersheimer Ortsteil Berstadt ein frühmittelalterliches Gräberfeld entdeckt, das zu den größten im Rhein-Main-Gebiet gehört.

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Foto  Drohnenaufnahme eines unvollständigen rössenzeitlichen Hausgrundrisses in Berstadt. Gut erkennbar die besondere Form. Die Pfostengruben sind im Profil geschnitten - rechts im Bild ein Zaunrest.
Drohnenaufnahme eines unvollständigen rössenzeitlichen Hausgrundrisses in Berstadt. Gut erkennbar die besondere Form. Die Pfostengruben sind im Profil geschnitten - rechts im Bild ein Zaunrest.

Im Folgenden wird die Siedlung der jungsteinzeitlichen „Rössener Kultur“ vorgestellt, die seit 2018 in Berstadt ausgegraben wird. Dabei wird sich ausschließlich auf die Jungsteinzeit beschränkt und die Befunde der Römerzeit sind weitgehend ausgeklammert.

Einleitung

Im Vorfeld der Erschließung einer 30 ha großen Fläche für ein Logistikzentrum galt es, mögliche archäologische Befunde und Funde zu sichern. Diese Aufgabe konnte dank der guten Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Denkmalpflege rechtzeitig angegangen werden. Auf Basis der bekannten Ausgangslage von nur einigen wenigen jungsteinzeitlichen Lesefunden und einer Handvoll abgerollter Keramikfragmente war zunächst nicht mit einer Großgrabung zu rechnen. Auch die Ergebnisse der geophysikalischen Prospektion ließen noch nicht auf den umfangreichen archäologischen „Schatz“ schließen, der unter den Äckern ruhte. Vor dem Hintergrund, dass die bekannten Lesefunde der mittelneolithischen Rössener Kultur angehörten, wurden einige der geophysikalischen Anomalien als Lehmentnahmegruben gedeutet. Bei guten Erhaltungsbedingungen und mit reichlich Optimismus war vielleicht noch auf den Nachweis von einzelnen neolithischen Hausgrundrissen zu hoffen gewesen. Das Gefundene übertraf jedoch alle Erwartungen bei Weitem. So sind bereits jetzt – vor dem endgültigen Abschluss der Grabungen – annähernd 40 Gebäudegrundrisse der Rössener Periode erfasst.

Schon zu Beginn der Feldarbeiten zeigte sich in zwei deutlich voneinander entfernten Testschnitten, dass hier ein ausgedehnter Siedlungsplatz vorliegen musste. In beiden Flächen wurde jeweils ein jungsteinzeitlicher Hausgrundriss angeschnitten. Zudem wurde bei der Erweiterung eines Schnittes, eine wohl neolithische Bestattung erfasst. Ab dem Spätsommer 2018 wurde als weitere Vorgehensweise ein Raster von Suchschnitten quer zur Ausrichtung der bereits bekannten Häuser angelegt.

In allen Bereichen, in denen Pfostenlöcher und Pfostenreihen erkennbar waren, erfolgte eine Erweiterung der Flächen, sodass jeweils der gesamte Gebäudegrundriss, soweit erhalten, freigelegt werden konnte. Bereits der typische schiffsförmige bis trapezoide Grundriss ermöglichte es, die vorliegenden Gebäudereste mit ihren engstehenden Wandpfostengruben der jungsteinzeitlichen Rössener Kultur zuzuweisen. Diese Datierung wird durch das sehr homogene Fundmaterial bestätigt, das sich weitgehend auf die mittlere Jungsteinzeit beschränkt. Fast alle Gebäude waren mit der Schmalseite nach WNW bis NW ausgerichtet. Die Länge der Rössen-Häuser reichte von 15 m bis fast 60 m.

Siedlung und Häuser

Allen Häusern war gemeinsam, dass der Abschluss im WNW/NW schmaler als am gegenüberliegenden Ende war. Die Wände wurden ausschließlich durch eng stehende Pfosten gebildet. Die Innengliederung der damaligen Häuser bestand typischerweise aus mehreren Querriegeln mit je drei Pfosten zum Tragen des Daches. An den Enden reichten die Wandpfosten meist über den letzten Dreierriegel hinaus, sodass jeweils ein offenes Vordach entstand. An der breiteren, dem Wetter abgewandten Seite, wird man den Eingang annehmen können. Die Erhaltung der Grundrisse war unterschiedlich. Neben mehr oder weniger vollständigen gab es auch solche, die nur noch mittels einzelner Dreierriegel der Dachkonstruktion und anhand der Gruben der Wandpfosten nachweisbar waren.

Aufgrund jahrtausendelanger Beackerung und Erosion kam Fundmaterial – abgesehen von einzelnen Lesefunden – nur noch aus Gruben zutage. Neben einzelnen Siedlungsgruben in Hausnähe waren dies vor allem größere, amorphe und unregelmäßig tief eingegrabene Gruben im weiteren Umfeld der Häuser, aus denen man den für den Hausbau benötigten Lehm entnommen hatte. Andere Gruben erreichten teils enorme Tiefen, eine sogar bis 4 m unter der aktuellen Geländeoberkante. Aus dieser stammten vier vollständige und weitere zerscherbte Gefäße von Keramik der Rössener Kultur. Die tiefen Gruben werden über Analogien als Brunnen oder Wasserschöpflöcher gedeutet. Neben den Hausgrundrissen wurden auch zahlreiche Reihen von Pfostengruben erfasst, bei denen es sich wohl größtenteils um Spuren von Zäunen handelt. Einige dürften sicherlich als Viehgatter zu deuten sein. Da sich Zäune und Hausgrundrisse teils überlagern, haben wir einen länger andauernden, mehrphasigen Siedlungsvorgang vor uns, ohne dass das zeitliche Verhältnis der Befunde bislang sicher einzuschätzen wäre.

Eine weitere Befundgruppe, die es hervorzuheben gilt, bilden die Gräber. Insgesamt traten Reste von 10 Körpergräbern zutage, die weit über das Grabungsareal verteilt lagen. Alle waren beigabenlos, woraus sich natürlich Probleme bei der Datierung ergeben. Bemerkenswert ist jedoch, dass alle Bestattungen innerhalb der rössenzeitlichen Siedlung lagen und keine Befunde anderer Zeitstellung gefunden wurden. Für ein hohes Alter spricht auch die zumeist sehr schlechte Erhaltung der Knochen in relativ kalkhaltigem Boden.

Auffallend ist der scheinbare Bezug von sechs Gräbern auf römische Straßenverläufe. Die Tatsache, dass zwei dieser Gräber direkt in der Straße lagen, wie auch die Bestattungsform machen eine Datierung in römische Zeit eher unwahrscheinlich, da man in dieser Periode die Brandbestattung bevorzugte.

Die Gräber

Von den mittlerweile dreizehn aufgedeckten Skeletten kamen sieben in gestreckter Rückenlage in unterschiedlichster Ausrichtung zum Vorschein. Lediglich die beiden Gräber im Nordwesten nahe der Bundesstraße waren gleich ausgerichtet. Bei den verbleibenden sechs Gräbern handelte es sich in zwei Fällen um Hockerbestattungen unterschiedlicher Ausrichtung. Bei einem dritten Grab wird es sich aufgrund der Größe des Schädels in Verbindung mit der geringen Größe der Grabgrube ebenfalls um eine Hockerbestattung gehandelt haben. Dazu kommen noch zwei weitere Hockergräber sowie ein unbestimmtes. Eines der Gräber neben der Kreisstraße lag direkt vor dem OSO-Abschluss einer zweiphasigen Hausstelle der Rössener Kultur. Ein entsprechender Bezug zu einem Hausgrundriss zeigte sich bei den drei Gräbern am Nordrand der Siedlungsfläche. In einem Fall befanden sich ein Grab vor der nördlichen und eines außen an der südlichen Hauswand. Bei einem weiteren Haus wurde eine Bestattung fast mittig vor dem östlichen Ende des Hausbefundes angetroffen. Das zeitliche Verhältnis zwischen den Gräbern an den Häusern und den betreffenden Häusern selbst ist nicht geklärt. Der Bezug kann also nur ein scheinbarer sein. Auffallend ist aber, dass es sich bei den Beisetzungen an den nördlichen Häusern ausgerechnet um die drei Hockerbestattungen handelt, die sicherlich ins Neolithikum zu datieren sind.

Ausblick

Die seit 2018 mit Unterbrechungen andauernde Ausgrabung in Wölfersheim-Berstadt hat also schon jetzt wichtige Erkenntnisse hinsichtlich der mittelneolithischen Besiedlung der Wetterau erbracht. Schon jetzt ragt die dortige Siedlung aus den zahlreichen in den letzten Jahren erforschten Siedlungsplätzen des Mittelneolithikums in der Wetterau heraus. Die beste Parallele zur Siedlung von Berstadt bietet die ebenfalls großflächig untersuchte rössenzeitliche Siedlung Inden I im Rheinischen Braunkohlerevier.

Marcus Jae, Roland König und Dr. Jörg Lindenthal, Archäologische Denkmalpflege Wetteraukreis
Hardy Prison M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
11.11.2021

Downloads: 

Ausschnitt aus dem Gesamtplan der Grabung Berstadt. Gut sichtbar ist die annähernd gleiche Ausrichtung der schiffsförmigen bzw. trapezoiden Häuser. Die kleineren Grundrisse stellen Nebengebäude dar. Copyright Archäologische Denkmalpflege Wetteraukreis