Das kulturelle Erbe eines 500 Millionen Jahre mächtigen Fossilarchivs

Im Jahr 2020 war es genau 30 Jahre her, dass die damalige Abteilung II – die Archäologische Denkmalpflege des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen (LfDH) – bodendenkmalpflegerisch durch Hinzugewinn der Paläontologischen Denkmalpflege erweitert wurde. Der nachfolgende Beitrag blickt zurück auf die Anfangsjahre und auf die hessenweite Etablierung des heutigen Referatsbereiches „Paläontologische Denkmalpflege“ der hessenARCHÄOLOGIE.

Abb. 18.JPG

Foto Detailaufnahme des anpolierten paläontologischen Bodendenkmals „UNICA-Wand“ in Villmar (LK Limburg-Weilburg). Zu erkennen sind die Querschnitte ca. 380 Millionen Jahre alter Schwammfossilien (Stromatoporen) innerhalb der ehemaligen Riffablagerungen.
Detailaufnahme des anpolierten paläontologischen Bodendenkmals „UNICA-Wand“ in Villmar (LK Limburg-Weilburg). Zu erkennen sind die Querschnitte ca. 380 Millionen Jahre alter Schwammfossilien (Stromatoporen) innerhalb der ehemaligen Riffablagerungen.

Die Anfangsjahre 1990–2000

Bereits das erste kodifizierte Denkmalschutzgesetz in Deutschland, das „Gesetz, den Denkmalschutz betreffend (Großherzogtum Hessen)“ vom 16. Juli 1902, und die zugehörige Ausführungsvorschrift vom 2. April 1903 besagen ausdrücklich, dass sich der Schutz des Gesetzes auch auf fossilisierte Überreste von Fauna und Flora vergangener Erdzeitalter erstreckt. Die Vorschriften dieses Gesetzes blieben auch im Volksstaat Hessen und – über 1945 hinaus – im Bundesland Hessen in Kraft. Hier erfolgte zum 23. September 1974 – zeitgleich mit Schaffung der neuen Denkmalschutzbehörde, des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen (LfDH), – die Verabschiedung des ersten Hessischen Denkmalschutzgesetzes (HDSchG). Dieses übernimmt die Vorgabe seines Rechtsvorgängers: Es definiert Bodendenkmäler als „Kulturdenkmäler, die Zeugnisse menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Lebens von wissenschaftlichem Wert darstellen und die im Boden verborgen sind oder waren oder aus urgeschichtlicher Zeit stammen“. Damit ist auch ein Fossil klar als Kulturdenkmal definiert und die Paläontologie in den Denkmalschutz mit einbezogen. Allerdings wurde dieser Sachverhalt bei der Installation des LfDH nicht berücksichtigt.

Die Etablierung der Paläontologischen Denkmalpflege in Hessen geht letztlich auf die Bemühungen zum Schutz und Erhalt des heutigen UNESCO-Weltnaturerbes Grube Messel bei Darmstadt zurück. Die ersten Schritte erfolgten im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, wo Anfang 1986 der Diplom-Geologe Dr. Thomas Keller die Stelle eines Wirbeltierpaläontologen antrat. Zwar war diese Position zunächst zur Vorbereitung und Koordinierung eines paläontologischen Forschungs- und Grabungskonzeptes für die Grube Messel geschaffen worden, Kellers Arbeit gipfelte jedoch in der Eintragung der Fossillagerstätte zuerst als Paläontologisches Bodendenkmal und dann in der Anerkennung als UNESCO-Welterbe. Die am 8. Dezember 1995 als erste Weltnaturerbestätte Deutschlands in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommene Grube Messel ist durch diesen Akt als paläontologische Stätte von weltweit einzigartigem und universellem Wert ausgezeichnet. Sie wird geschützt durch die UNESCO-Welterbekonvention von 1972 und ist so für zukünftige Generationen gesichert.

1990 ‒ also vor 31 Jahren ‒ erfolgte dann die Versetzung von Thomas Keller an das LfDH. Damit wurde die bis dahin ausschließlich mit Kolleginnen und Kollegen aus archäologischen Fächern besetzte Abteilung zur „Archäologischen und Paläontologischen Denkmalpflege“.

Bereits im Jahr 1992 gelang es Dr. Keller, die „Korbacher Spalte“ (Lkr. Waldeck-Frankenberg), deren Bedeutung besonders durch Funde des bis dahin nur aus Südafrika bekannten Cynodontiers (Vertreter einer Gruppe „säugetierähnlicher Reptilien“) Procynosuchus in den Fokus internationaler paläontologischer Interessen gerückt war, als Paläontologisches Bodendenkmal unter Schutz zu stellen.

Die Jahre 2000–2012

Personaltechnisch unterstützt wurde Keller ab dem Jahr 2000. Anne Sander, zuvor angestellt in der Bibliothek der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege, verstärkte nun das damalige Sachgebiet mit knapp der Hälfte ihrer Arbeitszeit, bis sie im Januar 2004 ganz als Präparatorin zur Paläontologie wechselte.

Das Jahr 2001 läutete unter dem neuen Landesarchäologen Prof. Dr. Egon Schallmayer die Neustrukturierung der bisherigen Abteilung A – Archäologische und Paläontologische Denkmalpflege ein. Schallmayer vereinte die Fachbereiche Archäologie und die Paläontologie miteinander und etablierte sie unter dem neuen gemeinsamen Namen hessenARCHÄOLOGIE. Aus dieser Verbindung erwuchsen für beide Fachgebiete neue Arbeitsfelder. Zum bisher wahrgenommenen landeshoheitlichen Auftrag nach den Vorgaben des HDSchG gesellte sich neben der Einbindung der hessenARCHÄOLOGIE als Träger öffentlicher Belange im Rahmen öffentlicher Maßnahmen (Bauleitpläne, Planfeststellungsverfahren) auch der Auftrag zu Landesforschung, Inventarisation und zeitnaher Publikation von Arbeitsergebnissen. Hinzu trat die Öffentlichkeitsarbeit im Sinne einer bürgernahen bodendenkmalpflegerischen Arbeit vor Ort in Verbindung mit Aktivitäten und Angeboten für ein breites Publikum. Durch die ihrer Bedeutung entsprechende Verankerung in diesem Konzept rückte nun auch die Paläontologie in der öffentlichen Wahrnehmung deutlich nach vorn.

Währenddessen trugen Keller und Sander eine beträchtliche Menge an quartären Säugetierfossilien aus dem Paläontologischen Bodendenkmal „Mosbach-Sande, Steinbruch Ostfeld“ zusammen. Schwerpunkte der paläontologischen Landesaufnahme bildeten die wöchentlich erfassten Baggerprofile innerhalb der pleistozänen Mosbach-Sande (Landeshauptstadt Wiesbaden), die Untersuchung von Prachtkäfern aus Elbtal-Elbgrund (Lkr. Limburg-Weilburg) und von Koniferen aus Haiger-Langenaubach (Lahn-Dill-Kreis). Darüber hinaus zu nennen ist die Bearbeitung der Relikte von Hyänen und Menschen aus Eschwege-Oberhone sowie von Höhlenlöwen und -bären aus Sontra-Berneburg (beide Werra-Meißner-Kreis), weiterer Höhlenbärenfunde aus Breitscheid-Erdbach (Lahn-Dill-Kreis), von Wollnashörnern aus Morschen-Konnefeld (Schwalm-Eder-Kreis), Amphibien und Reptilien aus Buseck-Beuern (LK Gießen) wie auch von versteinerten Wäldern bei Schöneck-Kilianstädten (Main-Kinzig-Kreis), devonischen Riffen des Lahnmarmors im Lahn-Dill-Gebiet und Fährtenplatten aus Cornberg (Lkr. Hersfeld-Rotenburg). Gegen Ende von Kellers Dienstzeit stand schließlich die wissenschaftliche Bergung des Seelilienwaldes von Liebenau-Lamerden im Landkreis Kassel im bodendenkmalpflegerischen Fokus des Sachgebietes.

Thomas Keller verabschiedete sich am 1. November 2012 in den Ruhestand. Er hat mit seiner Arbeit der Paläontologischen Denkmalpflege in Hessen zu dem ihr gebührenden Stellenwert verholfen.

Neukonzipierung im Jahr 2013

Mit der Neustrukturierung des ehemaligen Sachgebietes zum Referatsbereich „Paläontologische Denkmalpflege“ der hessenARCHÄOLOGIE im Jahr 2013 ging die Übernahme weiterer Verantwortung in den Referatsbereichen „UNESCO-Weltnaturerbe“ sowie „Restaurierung und Depot“ einher. Anne Sander unterstützte weiterhin den neu konzipierten Referatsbereich Paläontologische Denkmalpflege innerhalb der hessenARCHÄOLOGIE auf vielfältige Art und Weise. Sie prägte diesen auch unter dem Verfasser, der zum Januar 2013 die Nachfolge von Thomas Keller antrat.

Ab Juli 2016 erfuhr der Referatsbereich weitere personelle Unterstützung durch die Diplom-Biologin Dr. Eva-Maria Schäfer. Sie digitalisierte kontinuierlich sowohl die bereits aufgenommenen Bodendenkmäler als auch geowissenschaftlich sondierte neue Fundpunkte sowie solche, die sich durch Auswertung historischer Literaturquellen erkennen ließen. Neben der punktuellen paläontologischen Landesaufnahme sind seit 2013 zunehmend flächige und z. T. sehr weitläufige paläontologische Bodendenkmäler ausgewiesen worden. Als Beispiel sei an dieser Stelle die flächenmäßige Unterschutzstellung des Breitscheid-Erdbacher Höhlensystems (Lahn-Dill-Kreis) aufgeführt.

Nach dem altersbedingten Ausscheiden von Anne Sander gehört seit April 2019 der Geowissenschaftler Dr. Patrick Zell als fester Mitarbeiter zum Team. In präparatorisch-technischer und wissenschaftlicher Sicht umfassen seine Tätigkeiten ein weit gefächertes Aufgabenfeld.

Nach der vorangegangenen Neuordnung der paläontologischen Vergleichssammlung im Depot der hessenARCHÄOLOGIE gelang es im Jubiläumsjahr 2020 erstmals, die gesamte Fossiliensammlung in geeigneter Weise zu archivieren, sie systematisch ebenso wie taxonomisch digital zu erfassen und sie parallel dazu vollständig in die Kulturguterfassung des Landes zu überführen. Zusammen mit den Einträgen zu den entsprechenden Fundstellen in den digitalen Datenbanken ist damit eine weitere wichtige Grundlage zur Wahrung paläontologischer Belange bei der zunehmenden Zahl von Bodeneingriffen geschaffen.

Die hessenARCHÄOLOGIE vereint somit zwei fachwissenschaftlich unterschiedliche Denkmalpflegebereiche, die aber nur gemeinsam das gesamte im Boden überlieferte Gedächtnis der Vergangenheit zu bewahren vermögen.

Dr. Jan Bohatý, Dr. Eva-Maria Schäfer und Dr. Patrick Zell, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE