Die ehemalige Kläranlage in Frankfurt-Niederrad

Von außen wirkt das 1902 in Frankfurt-Niederrad errichtete Gebäude beinahe wie ein verträumter Landsitz, umgeben von Grün, mit ausgeprägtem Turm, hohen Dächern und verspielten Erkern. Doch seinen Denkmalwert verdankt es weder den Fensterbögen, noch dem Turmgeschoss, sondern vielmehr dem, was unter ihm ruht. Denn unter der verspielten Schale verbirgt sich nicht weniger als die erste mechanische Kläranlage des Kontinents.

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Foto der ehemaligen Kläranlage in Frankfurt Niederrad.
Das ehemalige Klärwerk in Frankfurt-Niederrad revolutionierte einst die Frankfurter Abwasserversorgung und beheimatet heute das Umweltlabor der Stadt.

1902 wurde das Verwaltungsgebäude mit dem kleinen Wasserturm von den Architekten A. Göllers und H. Dasens in den Formen des Historismus mit Elementen des Jugendstils entworfen. Die eigentliche Anlage mit ihren unterirdischen Klärbecken, Pumpen und Schiebern wurde hingegen bereits 1883 bis 1887 nach den Plänen des Stadtbaurates William Heerlein Lindley erbaut. Der Sohn des britischen Ingenieurs William Lindley – welcher vor allem durch seine maßgebliche Prägung der frühen Modernisierung der Hamburger Wasserentsorgung Bekanntheit erlangte, aber auch in Frankfurt tätig war – ließ sich von englischen Vorbildern inspirieren und errichtete am Rand von Frankfurt die erste mechanische Kläranlage diesseits von Ärmelkanal und Nordsee. Die Anlage mit ihrer modernen technischen Einrichtung war jedoch vor allem eine Notwendigkeit, fehlte doch der Platz für die Einrichtung einer klassischen Entwässerung in der vom Bevölkerungswachstum geprägten Stadt. Mit dem Bau des Verwaltungsgebäudes im Jahr 1902 erfolgte zudem die Modernisierung und zunehmende Mechanisierung der Anlage, die in ihrer moderneren Form bis in das Jahr 1960 hinweg ihren Dienst verrichtete. Heute ist das 1992/93 sanierte Gebäude eines der letzten Zeugnisse der gründerzeitlichen Entwässerungsgeschichte in Deutschland und beheimatet das Umweltlabor der Stadt.

Mit dem Denkmal des Monats stellen wir Ihnen in diesem Jahr verschiedenste bedeutende Industrie- und Technikdenkmäler in Hessen vor. Die Anlagen und Einzeldenkmäler sind Zeugen der industriellen und wirtschaftlichen Entwicklung Hessens und geben einen Einblick in den Erfindungsreichtum vergangener Zeiten. Das weite Feld der Industrie- und Technikdenkmäler reicht dabei von landschaftsprägenden Brücken und Staudämmen bis zu faszinierenden Uhrwerken und innovativen Produktionsmaschinen.

Lars Görze M.A., Landesamt für Denkmalpflege Hessen
29.04.2022