Der Hessische Rundfunk unter der Erde - ein Video

Was macht der Hessische Rundfunk unter der Erde? Sie haben nicht nur die Gelegenheit, sich ein Video des hr (LINK am Ende des Beitrages) anzusehen, welches anlässlich einer Höhlenführung der Paläontologischen Denkmalpflege des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen unter Leitung der Speläologischen Arbeitsgemeinschaft Hessen e.V. (SAH) entstand, sondern auch die Gelegenheit, sich ausführlich über das Breitscheid-Erdbacher-Höhlensystem (Lahn-Dill-Kreis) zu informieren.

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Zurück im Tageslicht: das Team (nicht mehr ganz so „sauber“) der Speläologischen Arbeitsgemeinschaft Hessen e.V., der Paläontologischen Denkmalpflege und des Hessischen Rundfunks nach der Höhlenbefahrung.
Zurück im Tageslicht: das Team (nicht mehr ganz so „sauber“) der Speläologischen Arbeitsgemeinschaft Hessen e.V., der Paläontologischen Denkmalpflege und des Hessischen Rundfunks nach der Höhlenbefahrung.

Das Breitscheid-Erdbacher Höhlensystem (Gemeinde Breitscheid, Lahn-Dill-Kreis) entstand innerhalb devonischen Kalkgesteins, welches in einem Tagebau zwischen Breitscheid und dem Ortsteil Erdbach abgebaut wird. Das weitverzweigte Höhlensystem zeichnet sich insbesondere durch ungestörte Gang- und Kammersysteme aus, welche in weiten Bereichen durch Verstürze von der Außenwelt abgeschlossen und somit versiegelt sind.

Das Höhlensystem umfasst u.a. eine 1993 durch Mitglieder der Speläologischen Arbeitsgemeinschaft Hessen e.V. (SAH) entdeckte und seitdem sukzessive erkundete, hessenweit einmalige Fossillagerstätte mit zahlreichen hervorragend erhaltenen Zeugnissen tierischen Lebens (u.a. ca. 30.000 Jahre alte Höhlenbärenknochen aus dem Jungpleistozän), welche als Oberflächen-Grabgemeinschaft auf einem ungestörten und daher höchst sensiblen Paläoboden der Höhle liegen. Dieser damals bekannte Teilbereich des Höhlensystems wurde als ortsfestes Paläontologisches Bodendenkmal (Kulturdenkmal gem. §2 Abs. 2 HDSchG) unter Schutz gestellt, da er zu Beginn der 90er Jahre akut von Zerstörung durch den Kalksteinabbau bedroht war. Zur Zeit der Ausgangssituation der Verhandlungen um die Rettung des damals bekannten Bereiches des fossilführenden Höhlenareals waren die nördlichsten Gänge des Höhlensystems bereits durch die Rohstoffgewinnung verloren.

Durch erfolgreiche Verhandlungen zwischen Gemeinde, Steinbruchbetreiber, SAH, Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) und Naturschutz gelang es im Jahr 1998 einen Kompromiss zu erzielen. Damit wurde die Ausgrenzung der damals bekannten, noch unberührten höhlenführenden Areale aus den Erweiterungsflächen des Steinbruchbetriebes erreicht und das ortsfeste Paläontologische Bodendenkmal „Bärengang“ substanziell gesichert.

Die beispielhaften gemeinsamen Bemühungen um Schutz und Erhalt des Höhlenkomplexes wurden 2004 mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis gewürdigt.

Auch der Öffentlichkeit wurde ein Teilareal des Höhlensystems zugänglich gemacht. Innerhalb dieses, mittlerweile überregional als „Schauhöhle Herbstlabyrinth Breitscheid“ bekannten Bereiches (betrieben durch die Gemeinde Breitscheid) können unzählige Tropfsteine in allen Formen und Farben bestaunt werden. Die Schauhöhle gehört aufgrund der innovativen Beleuchtung und einer Stegkonstruktion aus GFK-Material zu den modernsten Schauhöhlen Europas und ist die erste Tropfsteinhöhle mit vollständigem LED-Beleuchtungskonzept. Als geowissenschaftliches und touristisches Highlight der Region ist die Schauhöhle als Besuchspunkt und Informationszentrum des Nationalen GEOPARK Westerwald-Lahn-Taunus ausgewiesen.

In Kooperation mit der SAH wurde das weiträumige Karstsystem Breitscheids seit 1993 sukzessive weiter erfasst, vermessen und erforscht. Das bei Ausweisung als Bodendenkmal bekannte - „kleinräumige“ - Gangsystem wurde bis zum Jahre 2018 auf mehr als 12.000 Meter Länge und in einer Tiefe von über 90 Metern erfasst. Hierbei wurden zahlreiche weitere Fossillagerstätten innerhalb des nunmehr als „Großhöhle“ zu bezeichnenden Systems erkannt - u.a. von Fledermäusen, unterschiedlichen Klein- und Großsäugern (darunter Wollnashörner) - welche sich außerhalb des bislang kleinräumig als Paläontologisches Bodendenkmal ausgewiesenen Areals befinden. Auch diese Fossilien liegen auf - und eingebettet in ungestörten Paläoböden. Daher war eine Ergänzung der Denkmalausweisung des Breitscheid-Erdbacher Höhlensystems erforderlich.

Die bisher bekannten Lagerstätten innerhalb des größten Höhlensystems Hessens - und einem der bedeutendsten Systeme Deutschlands - beinhalten einmalige und ungestörte Ansammlungen hervorragend erhaltener Makrofossilien und Makrofossilassoziationen im unberührten und konservierten Zustand. Zusammen mit den sie einbettenden, ungestörten Paläoböden stellt das Breitscheid-Erdbacher Höhlensystem eine Fossillagerstätte von überregionaler wissenschaftlicher und kultureller Bedeutung dar, die bereits in zahlreichen Publikationen dokumentiert ist. Der ungestörte Zustand dieser Fossillagerstätten ist u.a. dadurch begründet, dass einige der ehemaligen Ein- und Ausgänge des Höhlensystems verstürzt und somit versiegelt sind. Dies verspricht eine wissenschaftliche „state of the art-Forschung“. Im Rahmen interdisziplinärer Forschungsansätze sollen z.B. DNA-basierte Erfassungen der Lebensgemeinschaften erfolgen - nur eine der Untersuchungsmethoden, die aufgrund des hervorragenden Erhaltungszustandes der Fossilien möglich ist.

Gemäß des Hessischen Denkmalschutzgesetzes (HDSchG) in der Fassung vom 28.11.2016 in Zusammenhang mit der Verordnung über den Umfang des Denkmalschutzes von Fossilien vom 15.01.2018, erfolgte am 15.10.2018 die Eintragung des gesamten Höhlenareals als Paläontologisches Bodendenkmal (Kulturdenkmal gem. §2 Abs. 2 HDSchG) durch die Leitung der Paläontologischen Denkmalpflege der Abteilung hessenARCHÄOLOGIE des LfDH. Die Ausweisung erfolgte mit Unterstützung des Lahn-Dill-Kreises, der Gemeinde Breitscheid - sowie unter Miteinbindung der Bürgerinnen und Bürger Breitscheids und des Kalksteinwerks Medenbach (LafargeHolcim).

Entsprechend der an die SAH als Koordinatorin einer multidisziplinären Forschungskooperation erteilten denkmalfachbehördlichen Nachforschungsgenehmigungen wird das Höhlensystem nun unter der Leitung des LfDH systematisch weitererforscht.

Dr. Jan Bohatý, Landesamt für Denkmalpflege Hessen, hessenARCHÄOLOGIE
09.11.2021